Laudatio für den Gewinner des Integrationspreises 2014, den Verein ora da! e.V.

Prof. Dr. Helma Lutz/ Goethe Universität Frankfurt a.M.
Laudatio für den Gewinner des Integrationspreises 2014, den Verein ora da! e.V.

Als ich letzte Woche am Donnerstagabend zum ersten Mal die Akteure von Ora da! an ihrem Wirkungsort in der ehemaligen Teves Fabrik im Gallus Viertel aufsuchte, erschloss sich mir der Name dieses Vereins in besonderer Weise: Ora da bedeutet dort und da – auf meiner Suche nach diesem Ort durchlief ich mehrere verlassene Fabrikhöfe und ich hatte das Gefühl, durch ein Niemandsland zu gehen, bis sich irgendwo eine Tür auftat und zu meiner Freude Herr Albak meinen Namen rief – ich hatte dort hin gefunden.

Ora da! ist ein Verein zur Förderung interkultureller Kunst, Kommunikation und Bildung, der seit 2001 als Trägerverein für u.a. das Günes Theater und das Kleine Welttheater fungiert. Die Ziele des Vereins sind vielfältig: neben der Produktion eigener Stücke organisiert Ora da! internationale Theaterfestivals in Frankfurt und verschiedenen weiteren europäischen Kulturmetropolen, bringt die musische und soziale Bildung von Jugendlichen und Kindern vor allem im Gallus Viertel voran, richtet Tanzveranstaltungen und Feste für Erwachsene, Kinder und Jugendliche aus.

Aber Ora da! ist viel mehr. Der Name ist kulturpolitisches Programm und philosophisches Wortspiel zugleich, denn das Dort gibt es nicht ohne das Hier. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Und der Weg von hier nach da ist einer der Erfahrung generiert, auch wenn man ihn, wie ich in diesem Falle, nicht er-fahren, sondern er-laufen hat.

„Es geht uns darum“, so die Broschüre von Ora.da!, „einen Perspektivwechsel zwischen hier und dort zu provozieren. Mit diesem Perspektivwechsel sind irritierende Fragen verbunden: ‚Bin ich schon hier oder noch dort oder schon da? Was ist hier und was ist dort? Was bedeutet Heimat? Was Zuhause? Was ist die Fremde‘“ (Ora da, S.2). Solche Überlegungen sind nicht nur philosophische Meditationen, sondern Fragen, die für uns alle relevant sind: Wann sind wir angekommen? Oder waren wir immer schon hier? Ist es vielleicht die oder das Fremde, das uns reizt, mehr zu erfahren? Wie lange müssen wir hier sein, um als Teil der Gemeinschaft gesehen zu werden? Die Antworten darauf werden für viele Menschen, die hier heute im Publikum sitzen, unterschiedlich ausfallen. Für die Gründergruppe des (Günes-) Sonnentheaters sind solche Fragen Stoff für ihre Stücke und Inszenierungen.

Die Gruppe professioneller Schauspieler hatte bereits in Izmir und Ankara eine Theatergruppe gegründet und die Türkei aus politischen Gründen verlassen müssen. Nach einer Tournee durch verschiedene europäische Länder ließen sie sich in Frankfurt nieder, der Stadt der Superdiversität in Bezug auf Herkunft und Migrationsbiographien, die Stadt der vielen Sprachen, von der sie sich erhofften, dass eine weitere Sprache, die des Sonnen-Theaters ihren Platz finden kann. Diesen Platz haben sie in der ehemaligen Teves Fabrik gefunden, bzw. sich aufgebaut – allerdings unter schwierigsten Bedingungen: es gab die ersten Jahre weder Wasser, noch Heizung, noch sanitäre Anlagen. Und da es auch heute noch keine Regelförderung gibt, kann der gegenwärtige Zustand überhaupt nur deshalb gehalten werden, weil für jedes neue Projekt Mittel eingeworben werden; wer das schon einmal gemacht hat, weiß wie mühselig und zermürbend das ist.

In den vergangenen 13 Jahren ist Ora.da! zu einem wichtigen Akteur der Kulturarbeit in Frankfurt geworden; ihr Karagöz-Theater verzaubert die Kinder, mit Jugendlichen aus verschiedene Schulen des Gallus wird momentan ein Musical erarbeitet und unter dem Titel „Gallussterne“ im Frühjahr 2015 aufgeführt. Gerade für Jugendliche ist Theaterarbeit eine wichtige Form sich auszudrücken und neu zu erleben: Theaterspielen bringt für die Beteiligten Laien nicht nur Spaß, sondern hat – en passant – auch diverse Lerneffekte: z.B.

werden Selbstvertrauen und Teamfähigkeit gefördert, Rollen- und Perspektivwechsel eingeübt, Selbstreflexion und kritisches Nachfragen gefördert, Kompetenzen, die nicht nur auf der Bühne, sonder auch im Alltagsleben hilfreich, ja notwendig sind. Für Erwachsene werden immer wieder mehrsprachige Stücke (englisch, deutsch, türkisch) auf die Bühne gebracht, zu aktuellen Themen wie Krieg und Frieden, Freiheit und Gemeinschaft etc.; Alltagsthemen wie Tee- und Kaffee-trinken werden wunderschön besungen – all dies ist im Internet auf you tube zu bewundern. Diese breite Palette der Angebote richtet sich sowohl an Minderheiten als auch an die

Mehrheitsbevölkerung – spielerisch thematisiert werden auch Konflikte, die an Bruchstellen entstehen.

Dieses Angebot ist aus meiner Sicht einzigartig in Frankfurt und zwar deshalb, weil es gerade nicht die üblichen Schubladen bedient, sondern diese übersteigt. Ora.da! bietet, so denke ich, Kultur für die postmigrantische Gesellschaft. Dieser Begriff ‚postmigrantisch‘ ist z.B. in Berlin bereits das

Markenzeichen verschiedener Theaterhäuser, etwa des Maxim Gorki Theaters oder des Ballhauses Naunynstraße. Was ist damit gemeint?

Postmigrantische Gesellschaft oder Identität verweist darauf, dass wir in einer Gesellschaft leben mit Menschen deren Großeltern oder Eltern migriert sind, die jedoch selbst keine Migrationserfahrung haben, die längst eingesessen sind, aber nicht als solche gesehen werden. Wie problematisch letzeres für die Betroffenen ist, hat u.a. auch Angela Merkel in einem Interview mit der Zeitung ‚Die Welt‘ im letzten Jahr betont (28.5.2013) Ich zitiere: „Für viele Zuwanderer stellt sich die Frage ….wann ist man endlich integriert? … manche stellen sich die Frage: ‚Was soll ich jetzt noch machen? Ich habe Deutsch gelernt, ich habe einen deutschen Pass …was muss ich tun, damit ich als integriert wahrgenommen werde?‘“ In diesem Interview ist etwas Außerordentliches passiert, nämlich ein Tabubruch, der die Kernthemen der deutschen Integrationsdebatte in Frage stellt, denn hier wird Migration von Integration getrennt; stattdessen geraten Begriffe wie Anerkennung, Teilhabe und Partizipation stärker in den Blick.1

Um einen solchen Zustand, in dem immer wieder die Grenze zwischen ‚uns‘ und ‚Ihnen/denen‘ gezogen, herausgehoben und damit wieder-hergestellt wird, zu überwinden, braucht es Utopien – und diese finden sich in der Arbeit des Vereins ora.da!. Ihre Arbeit kann auf neu-deutsch als ‚Fusion‘, oder eben auch als postmigrantisch bezeichnet werden kann – hier werden gesellschaftliche Fragen und Probleme auf hoch-professionelle Weise zur Debatte gestellt und die Tücken des Zusammenlebens humorvoll und kritisch dargeboten.

Eine solche Arbeit, für deren Entwicklung sicherlich der Fabrikhof eine gute Grundlage war, gehört ins Rampenlicht dieser Stadt! Dafür braucht es Anerkennung und Finanzierung. Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission unseren Respekt und unsere Bewunderung für die von Ihnen geleistete Arbeit ausdrücken und beglückwünsche Sie zu diesem Preis.
1*Siehe dazu auch Vassilis Tsianos und Juliane Karakayali (2014) „Rassismus und Repräsentation in der postmigrantischen Gesellschaft.